Frühe Bibernachweise in Niedersachsen
Bibereinwanderungen im Einzugsgebiet der Elbe
Die autochthonen Bibervorkommen auf dem Gebiet des heutigen Niedersachsens sind seit dem 18. Jahrhundert ausgerottet. Für das von v. LINSTOW (1908) beschriebene Vorkommen an der Weser bis ins Jahr 1856 findet sich in der zeitgenössischen faunistischen Literatur keine Bestätigung. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren mehrfach Einwanderungen von Bibern in das östliche Niedersachsen zu beobachten (DOOSE, 1957; STUTE 1959). Dauerhafte Ansiedlungen entstanden jedoch nicht.
Nach rund 40 Jahren gelang Mitte der siebziger Jahre in der Nähe des Elbholz der vermutlich erste Wiederfund eines natürlich eingewanderten Bibers in Niedersachsen. Für die Mitte der achtziger Jahre berichtet SCHRÖDER (1988) von der spontanen Ansiedlung von Bibern an der Boize in Mecklenburg-Vorpommern. Die aus dem Vorkommen an der Mittelelbe stammenden Tiere müssen auf ihrer Wanderung auch niedersächisches Gebiet gestreift haben. Hinweise auf wandernde Biber fanden sich 1988 bei Gut Grabow und aus März 1989 datieren Meldungen aus dem Raum Bleckede.
Ein zweifelsfreier Bibernachweis gelang 1988 im Raum Brambostel (Landkreis Uelzen). Am 09.06.1988 kam dort ein dunkelbrauner Biber bei dem Versuch zu Tode, die Örtze-Gerdau-Wasserscheide zu überwinden. Wenige Tage zuvor hatte derselbe Biber bei Katensen im Landkreis Celle versucht, aus der Örtze in die Meiße zu wechseln (ANONYMUS 1988). Durch Befragung von Gewährsleuten war es möglich, den Weg des Bibers, der durch eine Einkerbung an der Kelle unverwechselbar gekennzeichnet war, zu rekonstruieren. Demnach wanderte das Tier bereits 1987 von der Elbe in den Oberlauf der Gerdau, von dort weiter in ein Nebengewässer der Wietze auf dem Truppenübungsplatz Munster-Süd, um schließlich über die Örtze bis in den Dorfteich der Ortschaft Sülze vorzudringen. Dort hielt sich der Biber für mehrere Tage auf. Ein oberirdisches Nest diente als Ruheplatz.
Das 18 kg schwere Männchen wurde am 20. Juni 1988 dem Institut für Zoologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover übergeben. Die dort durchgeführte Untersuchung des Todfundes erbrachte folgende Ergebnisse:
Gesamtlänge: 1120 mm, Schwanzlänge: 290 mm, Schwanzbreite: 125 mm, Hinterfußlänge: 170 mm, Ohrlänge: 34 mm, Hoden: li. 4,99 g, re. 5,67 g, Niere: li. 36,79 g, re. 35,06 g, Milz: 10,94 g, Leber: 268 g, Herz 36,30 g, Magen-Darm-Trakt incl. Blase: 1507 g.
Ende 1990 konnte ein Bibers am Oberlauf der Seege nachgewiesen und im Sommer 1991 erneut bestätigt werden. Zeitgleich ergaben sich weitere Nachweise am Laascher See sowie Gorlebener Haken, wo sogar zwei Tiere beobachtet wurden. Im Herbst 1993 bestanden Biberansied lungen in der Elbe zwischen Seegemündung und Gorlebener Haken, im Laascher sowie im Gartower See. Bis zum Winter 1995/96 dehnten die Biber das Siedlungsgebiet auf weitere Altarme und Nebengewässer der Elbe zwischen Aland- und Boizemündung aus (z.B. Amt Neuhaus, Vitico, Brakkede).
Im südöstlichen Niedersachsen gelang im Juni 1988 die Beobachtung eines Bibers in der Soltau bei Watenstedt (Landkreis Wolfenbüttel). Ältere Fraßspuren deuteten daraufhin, daß sich dieser Biber bereits mehrere Monate im Gebiet aufgehalten hatte. Den massiven menschlichen Störungen begeg nete der Biber durch eine intensive Bautätigkeit. Innerhalb von wenigen Monaten entstanden entlang eines ca. 500 m langen Grabenabschnitts mehr als 20 Erdbaue und 6 Dämme. Als Nahrung wurden während der Frühjahrs- und Sommermonate vorrangig Kräuter und Röhrichte, in geringem Maße aber auch Getreide angrenzender Felder genutzt. In den Wintermonaten bildete ein kleiner Haufen Zuckerrüben die hauptsächliche Nahrungsquelle, die in geringem Umfang durch Weidenrinde ergänzt wurde. Im November 1990 wurde das Tier eingefangen und einem Wiederansiedlungsvorhaben an der Warnow zugeführt (BEZ.-REG. BRAUNSCHWEIG, in litt.).
Biberhinweise im Einzugsgebiet der Weser
Für das Einzugsgebiet der Aller zitiert NITSCHE (1995) Nachweise aus dem Drömling. Meldungen aus 1995 weisen auf nach wie vor bestehende Ansiedlungen in diesem Gebiet hin. Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle ebenfalls das Vorkommen eines einzelnen (?) Bibers aus der Fulda nördlich von Kassel erwähnt. Erste Hinweise aus dem Raum Kassel datierten aus dem Jahre 1990. Anhand von Fraßspuren konnte die Anwesenheit des oder der Biber noch im Herbst 1994 bestätigt werden. Die Herkunft ist unklar. Eine Zuwanderung aus dem Wiederansiedlungsprojekt im hessischen Sinntal kann nicht ausgeschlossen werden, denkbar ist aber auch eine gezielte Wiederansiedlung.
Perspektiven
Aufgrund der derzeitigen Entwicklungen am Westrand des Vorkommensgebiet ist davon auszugehen, daß sich der Besiedlungstrend im Lüchow-Dannenberger und Lüneburger Elbraum verstärken wird. Über die südlichen Elbezuflüsse (Jeetzel, Neetze, Ilmenau) dürften Biber in das östliche Niedersachsen expandieren. Die Ansiedlungen im Drömling lassen für die nahe Zukunft das Vordringen des Bibers über die Aller erwarten. Auch kann nicht ausgeschlossen werden, daß es sich bei den Vorstößen in das nördliche Vorharzland nicht um einmalige Einzelfälle handelte. Unter günstigen Umständen könnte mittelfristig aus den bestehenden Ansiedlungen in den Landkreisen Halberstadt, Quedlinburg und Staßfurt Tiere die Expansion in die Oberläufe von Rhume und Oder erfolgen (SCHULTE, 1988).
Literatur
- ANONYMUS (1988): Eine Biber-Erlebnis. Cellesche Zeitung v. 09.06.1988
- DOOSE. S. (1917): Biber an der Aller. Fischerei-Zeitung, 20, 24: S. 217
- LINSTOW, O. v. (1908): Die Verbreitung des Bibers im Quartär. Abh. u. Ber. Mus. f. Nat.-u. Heimatkunde Magdeburg, I, IV: S. 215-387
- SCHRÖDER, W.E. (1988): Elbebibervorkommen (Castor fiber albicus) im Kreis Hagenow. Naturschutzarb. Mecklenburg, 31, 2: S. 46
- SCHULTE, R.(1988): Oder und Rhume - potentielle Lebensräume für Biber und Fischotter im südlichen Harzvorland? Flußlandschaften im Südharz und im Eichsfeld - 25 Jahre Unterhaltungsverband Rhume - 1963 - 1988: 73 -75
- SCHULTE, R. & E. SCHNEIDER (1989): Zur Situation des Bibers in Norddeutschland. Jahrbuch Naturschutz Norddeutschland: S. 106-111
- STUTE, R (1959): Biber im Kreis Lüchow-Dannenberg. Wild u. Hund , 62: 487-488
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Dieser Text wurde von Ralf Schulte am 25.9.1996 verfasst